Meine "Zweitwohnung" - Liebeserklärung an das Thalia Gaußstraße Hamburg

Ich mag das: ein Theater, in dem ich mich zu Hause fühle, wo die netten Menschen am Tresen wissen, dass ich vor der Vorstellung einen Latte trinke, aber bitte „heiß“, wo ich mich in dem großzügigen Caféhaus-Ambiente in Ruhe auf den Kunstgenuss einstimmen und erst mal ankommen kann; ein Ort, an dem das Publikum bunt zusammengewürfelt ist. Vielleicht ist es mein – als Freischaffende – tiefer Wunsch nach einem Fixpunkt, einer festen Größe. Als Theaterbesucherin jedenfalls erfüllt das sogenannte „kleine Haus“ des Thalia Theaters diese Sehnsüchte. „Na schön“, werden Sie sagen, „aber wo bleibt das Eigentliche, das künstlerische Programm?“…

„Sofort, natürlich“, antworte ich. Lassen Sie mich nur noch den für mich nicht zu unterschätzenden Vorteil freier Platzwahl erwähnen bei moderaten Preisen. Theaterfreaks wie ich, die in der ersten Reihe sitzen wollen, stellen sich denn auch gerne etwas länger vor die sich kurz vor Aufführungsbeginn öffnende Eingangstür zur Studiobühne. Dort findet sich in der Regel rechts die hoch ansteigende Tribüne (ca. 300 Sitzplätze) und links die freie Spielfläche mit mehr oder weniger aufwendigem Bühnenbild. Es sei den Rauminszenierungen (z.B. „Der Fremde“ von Albert Camus) erfordern eine ganze oder teilweise Rundumbestuhlung.

 

Was bekommen Sie nun hier zu sehen? Der Spielplan zeigt eine vielfältige Mischung an Inhalten und ästhetischen Konzepten. Der Schwerpunkt liegt bei zeitgenössischen Werken, die sowohl die Bandbreite der aktuellen Situation auf dem „Stückemarkt“ als auch die sehr unterschiedlichen Handschriften der meist jüngeren Regisseure widerspiegeln. Nicht selten finden sich Uraufführungen („Fuck your ego!“ „Bye Bye Hamburg“…) und Deutsche Erstaufführungen („Ende der Liebe“, „Die lächerliche Finsternis“, Premiere 8.11.14) im Repertoire, und Sie können die glanzvollen Dauerbrenner – Solo – Abende „Amerika“ und „Werther“ mit Philipp Hochmair hautnah erleben. Manche Produktion hat es auch schon von der Studiobühne ins große Haus geschafft (aktuell: „Tschick“), und Schauspieler liefern erste Regiearbeiten ab wie Alexander Simon („Betrunkene“).

 

Auch der Ballsaal, der schon als Café erwähnte große Vorraum, kann für Musikabende und als Teilbühne genutzt werden. So beginnt etwa der zweite Teil der Heiner Müller – Collage: „Träume, Witze, Atemzüge“ (Regie: Dimiter Gotscheff) im Foyer unter den Zuschauern. Und während des alljährlich im Frühjahr stattfindenden Treffens „Junge Regie“ verwandelt sich dieser Bereich der ehemaligen Fabrik in einen lebhaften Treffpunkt. Nicht unerwähnt bleiben soll die kleine Nebenspielstätte Garage im Seitenflügel des Fabrikkomplexes, die in intimer Atmosphäre (ca. 80 Plätze) zu Lesungen und Experimentalstücken einlädt („Soap: Rennbahn der Leidenschaft“, „Der Prozess“, „Die Wilde 13“) und im Oktober 2014 zum Schauplatz des Festivals „KinderKinder“ wird. Überall an diesen Spielplätzen ist das Publikum in Tuchfühlung mit den Akteuren und darf durchaus mal damit rechnen, Teil des Spiels zu werden. Geschätzt werden auch die in lockeren Abständen nach Vorstellungen angebotenen Gesprächsrunden mit Dramaturgen, Regisseuren und Darstellern.

Exemplarisch möchte ich kurz auf zwei Inszenierungen eingehen, die mich neben der „Penelope“ (siehe Blogbeitrag vom 12.9.) besonders beeindruckt bzw. berührt haben: „Invasion“ von Jonas Hassen Khemiri (Regie: Antú Romero Nunez) und „Ende einer Liebe“ von Pascal Rambert, der auch Regie führte.

 

„Invasion“ beginnt mit einer veritablen Zuschauerverwirrung. In die Monologe der Schauspieler Cathérine Seifert und Rafael Stachowiak über einen obskuren Menschen namens Abulkasem mischen sich plötzlich zwei pöbelnde vermeintliche Zuschauer, die sich erst nach geraumer Zeit auf die Bühne hechtend als deren Kollegen Mirco Kreibich und Thomas Niehaus entpuppen. In den folgenden 90 Minuten entspinnt sich ein temporeiches Spiel, das weder Rollenzuordnungen noch bleibende Schauplatzbestimmungen zulässt. Der einzige rote Faden ist besagter Abulkasem, dessen Identität und Funktion immer nebulöser wird, je mehr man meint über ihn zu erfahren. Die ganze Spieldauer über wird fleißig an seiner Mythen- und Legendenbildung gearbeitet. Diese Produktion ist zurecht seit 5 Jahren in der Gaußstraße zu sehen und stellt die erste Thalia – Regiearbeit des mittlerweile zum Hausregisseur avancierten Nunez dar. (aktuell in Arbeit: „Der Ring“ in zwei Teilen als Schauspiel im großen Haus).

 

Das andere Beispiel „Ende einer Liebe“ verlangt eine völlig andere Form der Aufmerksamkeit der Theaterbesucher und ist ein sehr konkreter Schlagabtausch zweier ehemals Liebender. Die ganze Spielfläche ist mit weißem Tanzteppich ausgelegt, auf dem sich Marina Galic und Jens Harzer in einer Diagonalen gegenüberstehen. Was folgt ist eine jeweils einstündige Anklagetirade der Expartnerin bzw. dem Expartner gegenüber, wobei sich die beiden Protagonisten bis auf wenige Ausnahmen fast ohne körperliche Bewegung fixieren. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob die fantastischen, eindringlich und konzentriert agierenden Schauspieler oder der „Zuschauer an sich“ nach der zweistündigen wechselseitigen Zerfleischung erschöpfter ist. Ich jedenfalls durchlebte ein Wechselbad der Gefühle, einen inneren Aufruhr, der im völligen Kontrast zur Statik der Inszenierung stand. Ein Abend, der noch lange nachwirkte und immer mehr innere Bilder evozierte.

 

Nach diesen Lobeshymnen will ich nicht verleugnen, dass ich auch Besuche in der Gaußstraße erlebte, die ich sozusagen nach dem Verlassen des Gebäudes wieder abstreifte. Das gehört dazu wie einen auch in der Erstwohnung mal die Fliege an der Tapete stört.

 

Jedem Theater interessierten Hamburg – Besucher kann ich mein „Ersatzzuhause“ nur wärmstens ans Herz legen. Und wer weiß – vielleicht sitze ich auch gerade wieder vor meinem Latte, lausche der originellen Hintergrundmusik und blicke dem nächsten mich erwartenden Theatererlebnis gespannt entgegen.


Dieser Blogbeitrag nimmt als KulturTipp an der Blogparade von Tanja Praske teil.


http://www.tanjapraske.de/2014/09/22/blogparade-aufruf-mein-kultur-tipp-fuer-euch/#more-488

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Kommentare: 1
  • #1

    Tanja Praske (Samstag, 04 Oktober 2014 17:01)

    Liebe Birgit,

    sehr schön - du hast mich wunderbar mitgenommen, bildlich wie vorstellungsmäßig - danke für deinen wunderbaren Beitrag zur Blogparade #KultTipp. Damit bist du bislang die "Nördlichste" der Teilnehmerinnen und die Zweite mit einem Theater-Thema!

    Die persönliche und intime Atmosphäre an das Thalia Gaußstraße Hamburg ist greifbar. Zugleich kann ich dir absolut nachvollziehen, dass man dadurch eine besondere Beziehung zum Theater und zu den Schauspielern aufbaut. Ja, warum sollten sie nicht auch wissen, dass du gerne einen "Latte", aber heiß trinkst.

    Ähnlich erging es mir, als ich das erste Mal im Marstallmuseum in München war und als twitternde Flegelin die "Flegeljahre" von Jean Paul auf der Bühne war. Ich habe nie ein solch intensives Gefühl der Unmittelbarkeit erlebt. Später war ich dann im Residenztheater, doch ich muss gestehen, die Atmosphäre im Marstalltheater hat mich in ihren Bann gezogen.

    Wäre Hamburg "um die Ecke", dann ginge ich sehr gerne einmal mit dir dort ins Theater, nachdem wir zuvor einen heißen "Latte" getrunken haben.

    Vielen Dank nochmals!

    Schöne Grüße aus München
    Tanja