"FAUST HOCH DREI"

Darum geht es in FAUST HOCH DREI

Inhaltsangabe

 

Eine Schauspielerin versucht Zugänge zur Rolleninterpretation verschiedener Figuren aus Goethes „Faust“ zu finden, fühlt sich aber überfordert angesichts der Unmenge an Deutungsmöglichkeiten.

 

Hilfe erhält sie von einer „Expertenrunde“ bestehend aus einer Professorin für Neue Deutsche Literatur, einer Quantenphysikerin und eines Wirtschaftswissenschaftlers, die sich vor dem Hintergrund ihrer Fachrichtung mit „Faust“ I und II auseinandersetzen und besonderes Augenmerk auf die heutige Lesart des Textes legen. Entstehungsgeschichte und historische Bezüge werden dabei berücksichtigt.

 

Die Themenblöcke, die sie sich vornehmen, sind: die  „Magistertragödie“, „Kritik der Neuzeit“ und die „Raumzeit“.
Die Schauspielerin versucht, in unterschiedliche Rollen schlüpfend via Live – Kamera zentrale Textpassagen aus dem „Faust“ im Sinne der jeweiligen „Expertengedanken“ zu interpretieren und illustriert dadurch die Thesen der Wissenschaftler. Sie selbst steuert ihre Sichtweise auf die „Gretchentragödie“ zur Erkenntnisgewinnung bei.

 

Bild- und Toneinblendungen, in denen z.B. auch Goethe zu Wort kommt, illustrieren und ergänzen das Spiel, sodass ein vielschichtiges Bild aus Fakten, Assoziationen und Meinungen entsteht, das die Komplexität und Zeitlosigkeit aber auch die Widersprüchlichkeit von Goethes Lebenswerk vor dem Hintergrund des Epochenbruchs erfahrbar macht.

„Faust Hoch Drei“ ist ein Solostück von und mit der Schauspielerin Birgit Ermers.

 

Im Anschluss an jede Aufführung (Dauer ca. 60 min) besteht für die Schülerinnen und Schüler  die Möglichkeit zu einem Gespräch mit der Akteurin.


Zu den Rahmenbedingungen klicken Sie bitte hier.

Der Blog zum Faustprojekt

Probengedanken

In der Endphase der Proben zu FAUST HOCH DREI möchte ich den Versuch wagen, eine Art Zwischenbilanz zu ziehen und die Frage der Schauspielerin Regine Hollmann im meinem Text nach der Aktualität von Goethes Werk - zumindest für mich – beantworten. Die Frage lautet genau: „Was sagt uns dieser Faust heute, der sich selbst als Maß aller Dinge ins Zentrum der Welt setzt und sein Empfinden und Denken über alles stellt?“…

Um es vorweg zu nehmen: ich bin mehr und mehr fasziniert und komme aus dem Hut Ziehen vor dem Schöpfer dieses Epos nach sechsmonatiger Beschäftigung mit demselben gar nicht heraus. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf Stärken und sicher auch vorhandene Schwächen und Unstimmigkeiten eingehen und auch die formalen Aspekte der Dramenstruktur und des Versaufbaus außen vor lassen. Mir geht es um das „Bauchgefühl“ und die Aspekte der Tragödie, die mich salopp gesagt anticken.


Als zentraler Punkt sind sicher die sich verwischenden Polaritäten zwischen den Figuren Faust und Mephisto zu sehen. Ich gehe da mit vielen Interpreten d` accord, die den ganzenText mitsamt seinem weltlichen und geistigen Personal aus der Figur des Gelehrten Faust heraus deuten. Wir müssen nur kurze Blicke in Richtung des aktuellen Weltgeschehens werfen, um mitten in diesem Thema zu sein. Was ist gut? Was ist böse? Wie drücken sich diese Pole im einzelnen Menschen aus? Nach welchen ethischen, moralischen und weltlichen Gesetzen ordnen wir Menschen oder Ereignisse diesen Kategorien zu. Wer richtet wen unter welcher Prämisse? Heiligt der Zweck die Mittel?...

Ich habe viel darüber nachgedacht, wo uns Mephisto in unserer heutigen Welt unverhohlen ins Gesicht grinst, oder hinter welchen geschickten Masken und Tarnungen er sich verbirgt. Im „Faust“ hat die Teufelsfigur, die auch für eine Ästhetik des Bösen steht entsprechend den  literarischen Strömungen des beginnenden 19. Jahrhunderts, ein breites Wirkungsspektrum.


Erst mal lautet der Auftrag des Herrn im Himmel, Faust mit Hilfe irdischer Freuden zu versuchen und so von seinem Weg, ein „guter Mensch“ zu sein, abzubringen, ihn also von seinem „Urquell“ abzuziehen. Faust, angeödet vom Wissenserwerb durch Studien und am Rande einer Depression, folgt seinem Verführer zunächst bereitwillig in die Verlockungen des Fleisches (Gretchen), gibt sich der Magie des Drogenrausches hin, will sich spüren. Aber er zieht immer kurz vorm Showdown die Reißleine und entzieht sich Mephistos` Zugriff. Das geschieht nicht selten auf Kosten anderer Menschen, die er wie Gretchen skrupellos ins Verderben stürzt.


Wo verläuft dieser schmale Grat, auf dem wir immer wieder in unserem Leben wandeln und auf dem wir uns entscheiden müssen, ob wir unsere Egotriebe oder Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein zu unseren Leitmotiven machen. Welche Instanzen in uns treffen diese Entscheidungen?
Goethe thematisiert im Teufelspakt auch die philosophische Frage nach der Existenz Gottes und bringt über die Umkehrung der Hiobgeschichte in der Wette auch die Religionen ins Spiel. Sein eigener Standpunkt ist bekannt. „Gott ist die Natur“, spiegelt sich also in allem Lebendigen, oder wie es im „Faust“ so wunderbar heißt:


„Am farbigen Abglanz haben wir das Leben“


Dass Gott nicht mit der Person des Herrn im Himmel gleichzusetzen ist, sehen wir daran, dass am Schluss der Tragödie 2. Teil das Ewig Weibliche die Herrschaft übernommen hat. So ist das ganze Werk gespickt mit Allegorien, Metaphern und Phantasmagorien. Goethe entwirft durch den Blick Fausts eine Welt des schönen Scheins. Und da haben wir den Bogen zur Quantenphysik, die z.B. Fragen nach der Beschaffenheit von Raum und Zeit stellt und dem einen zentralen Bedürfnis des nach Erkenntnis strebenden Gelehrten nachgeht:


„Das ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“

Was Faust immer wieder davon abhält, Mephisto – also dem eigenen Schatten – vollständig auf den Leim zu gehen, ist sein strebender Charakter. Seine Lust liegt in der Tätigkeit und nicht im verweilenden Genießen. Nur treibt ihn diese Lust im 2. Teil ins eigene Verderben, wenn er beim Kolonisationsprojekt die hehren Gedanken zur Freiheit für die Menschen aus den Augen verliert und dem Machtstreben auch auf Kosten der Menschen (Philemon und Baucis, Lemuren) vollends verfällt.


Faust ist da weder Vorbild noch abschreckendes Beispiel. Er ist ein wertfrei betrachteter Repräsentant des Menschlichen. Jedem Leser bleibt die eigene Einordnung selbst überlassen.


Goethe selbst plädiert immer für die Tätigkeit als Allheilmittel, die aus seiner Sicht auch die Garantie für den Fortbestand der Seele im Geistigen bedingt. Den einzigen kurzen erfüllten Augenblick, den er seinem Protagonisten zugesteht, darf dieser nur in der Welt des schönen Scheins erleben (Helenatragödie), also als Illusion.


Die Gefahr des bloßen Strebens ist Goethe allerdings bewusst. Der Epochenbruch seiner Zeit, die beginnende Industrialisierung lassen ihn ahnen, dass die Attribute der Neuzeit wie Reichtum und Schnelligkeit zur Selbstentfremdung des Menschen führen müssen. Dem immerwährenden Streben, der rein vorwärts gerichteten Bewegung fällt das kulturelle Gedächtnis der Menschheit zum Opfer. Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, also in der Beschäftigung mit der Geschichte der Menschheit. Verlieren sich die Menschen in Allmachtsfantasien und stellen sich gegen den Rhythmus der Natur, gegen die Willkür der Elemente (Fausts Projekt der Eindämmung des Meeres), werden sie in ihre Schranken verwiesen.


Mit welcher Blindheit sind wir heute geschlagen? Was wollen wir nicht sehen? Wo hilft ein Blick zurück, um es heute „besser“ zu machen? Warum wird Faust (auch symbolisch) Erlösung zuteil?


Für mich steckt der ganze „Faust“ voller Fragen, die Goethe sich und seinen Zeitgenossen gestellt hat, die er, oft widersprüchlich, im Verlauf des Arbeitsprozesses an der Tragödie zu beantworten sucht, und die auch für uns heute noch im Raum stehen.


Zum Schluss dieser lückenhaften Zwischenbilanz erlaube ich mir die persönliche Bemerkung, dass ich mich bei keinem anderen Projekt zu schwer getan habe, bei der Konzeption und Gestaltung der Textfassung auf bestimmte Aspekte zu verzichten. Goethes Faust ist für mich eine zeitlose Fundgrube existentieller und philosophischer Fragen und Überlegungen und verdient zweifellos das Attribut „Weltgedicht“  - bei allen gestalterischen und kompositorischen Schwächen sowie inhaltlichen Ungereimtheiten.


Ich bedanke mich bei meinen Leserinnen und Lesern für Ihr Interesse.

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Faust Hoch Drei

Hurra! Es ist ein „Faust“! Die Geburt war kompliziert und langwierig, aber es ist vollbracht, und die stolze geistige Mutter meldet sich nach einer etwas längeren „Blogpause“, die sie zum Lesen weiterer Sekundärliteratur und für konzeptionelle Gedanken genutzt hat, an dieser Stelle zurück, um ihr „Kind“ dem Licht der Öffentlichkeit auszusetzen.  Der Spross wächst und gedeiht, füllt Seite um Seite. Warum habe ich meiner „Geistesfrucht“ den Beinamen „Hoch Drei“ gegeben?  Der Gründe sind gar viele…

Die „Drei“ als magische Zahl spielt in Goethes Werk direkt und indirekt an zahlreichen Stellen eine Rolle.


Wenn wir die Person Faust als Konstrukt begreifen, als Idee eines Menschen, der sich in multidimensionalen Ausprägungen zeigt, haben wir zunächst die „Drei“ offensichtlichen: Faust, Mephisto, Gretchen.


Diese können wir auch als Körper (Mephisto), Geist (Faust) und Seele (Gretchen) definieren und Ihnen inhaltliche Bereiche zuordnen:
Faust: Gelehrtentragödie, Suche nach Erkenntnis; Mephisto: weltliche Gelüste, Wirtschaft, Ökonomie; Gretchen: Spiritualität, Intuition.


Ulrike Prokop (Literaturangabe s.u.) drückt es treffend so aus:
„…sind die drei Figuren Reflexionen über das menschliche Erkenntnisvermögen und die Widersprüche zwischen seinen Elementen: Selbstbewusste Vernunft, kalkulierender Verstand und das Erkenntnisvermögen der sinnlichen Empfindung…“

Im Sinne von Goethes Weltsicht können wir die Einheit „Gott“ in Schöpfer, Schöpfung und Geschöpf aufspalten, die wiederum Eins sind.


Mit Kant lassen sich die „Drei“ Fragen formulieren: Was können wir tun? Was können wir wissen? Worauf dürfen wir hoffen?


Goethe stellt der eigentlichen Handlung „Drei“ Portale voran: Zueignung, Vorspiel auf dem Theater, Prolog im Himmel.


Für Faust ist der Teufelspakt nach Magie und Freitod das „Dritte“ Experiment, sich aus seiner inneren Zwangssituation oder Depression zu befreien.

So könnte man der Beispiele noch unzählige weitere anführen. Warum nun „Hoch“ und nicht „Mal“ oder „Durch“ „Drei“? Weil eine Betrachtung aus mehreren Perspektiven immer eine Potenzierung der Erkenntnisse bedeutet. Es eröffnen sich Räume zwischen den Blickwinkeln, die sonst nicht sichtbar geworden wären.


Bevor ich konkreter auf mein Konzept der Umsetzung eingehe, möchte ich Goethe zitieren, der sich 1827  Eckermann gegenüber äußerte:


„Es hätte auch in der Tat ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und höchst mannigfaltiges Leben, wie ich es im Faust zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen durchgehenden Idee hätte reihen wollen.“


Und so habe ich mich im Sinne des Dichters entschieden, meinen (spielerischen) Blick aus „Drei“ Perspektiven auf das Gesamtwerk „Faust“ zu richten. Mein Projekt wird mehr ein Stück über „Faust“ sein, als eine rein theatralische Umsetzung des Textes. Mich interessieren die Aspekte der Tragödie, die Goethe als Meister der Darstellung des „Menschen an sich“ in all seinen Facetten ausweisen und seine bewusst/unbewusste Weitsicht bezüglich der Mechanismen menschlichen Handelns und Denkens unter bestimmten ökonomischen und gesellschaftlichen Aspekten widerspiegeln.

Neben einer (neutralen) Schauspielerin wird es „Drei“ Wissenschaftler bzw. Fachleute geben, die vor dem Hintergrund ihres Forschungsthemas Schlaglichter auf das Geschehen aus heutiger Sicht werfen. Ihre Statements und Schlussfolgerungen werden in einer Spielhandlung verschachtelt, indem die Schauspielerin die Rollen wechselt – also alle drei Personen verkörpert – und gleichzeitig kurze Szenen aus dem Originaltext  im Sinne der Experten darstellend interpretiert.


Filmschnipsel, Bilder und Wortbeiträge vom Band ergänzen das Spiel.

Abschließend möchte ich gerne die „Drei“ handelnden Professoren vorstellen:


Dr. Manuela Nussbaum
Lehrt Neue Deutsche Literatur an der Universität Göttingen, 45 Jahre alt, verheiratet, 2 Kinder (17, 20), der Ehemann Dr. Andreas Nussbaum ist Internist.

Sie ist ein weicher, einfühlsamer Typ; geduldig, ausgeglichen, ruhige Art zu vermitteln, geschmeidige Bewegungen.
Hat ihre Doktorarbeit über den Einfluss von „Faust“ auf die Literatur des 20. Jahrhunderts geschrieben.
Sie widmet sich besonders der Magistertragödie und deren Schnittstellen mit der Gretchentragödie.


Dr. Werner Tönjes
Wirtschaftswissenschaftler, Wachstumskritiker, Dozent an der Universität Münster, Journalist und Autor von Sachbüchern, 64 Jahre, geschieden, 3 erwachsene Kinder, lebt mit Lebensgefährtin (Rundfunkjournalistin) zusammen, viel auf Reisen, Gastvorträge, vernetzt.
Klar strukturiert, kann komplizierte Sachverhalte verständlich vermitteln, direkte, offene Art, schnörkellos, hat eine Botschaft.
Spricht zur Ökonomie und zu Krisen im „Faust“.


Dr. Marie-Luise Schwillert
Physikerin und Philosophin, forscht zur Theorie komplexer Systeme an der Universität Bremen, 55 Jahre, keine Kinder, Lebensgefährte (Dokumentarfilmer).


Fröhliche, temperamentvolle Person, Begeisterung für ihr Sujet, neugierig, quirlig, immer in Bewegung, blumige Sprache, viele Bilder und Metaphern.
Äußert sich zu Gottesbild, Spiritualität und Quantenphysik im „Faust“.

Damit möchte ich mich für dieses Mal verabschieden und werde an gleicher Stelle über den „Wachstumsprozess“ meines „Zöglings“ Bericht erstatten. Bis dahin bedanke ich mich für Euer und Ihr Interesse und freue mich über Kommentare.


Zitat Ulrike Prokop in
Theater und Universität, Faust I/II Nicolas Stemanns Doppelinszenierung am Thalia Theater Hamburg, Hg.: Ortrud Gutjahr, Königshausen & Neumann, 2012

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Von hinten nach vorne

Nach weiterem Studium der Sekundärliteratur, das noch nicht - wie ich zunächst leichtsinnigerweise annahm -  beendet scheint, und Reflektion der bisherigen Eindrücke und Erkenntnisse auf den #Faust – Text, eröffnen sich neue Ansatzpunkte zur Inszenierung. Oder vorsichtiger ausgedrückt: die in mir entstehenden Bilder werden sichtbarer, greifbarer. Mir scheint es sinnvoll, dem Gedanken zu folgen, dass #Faust I ohne #Faust II nicht denkbar (im doppelten Wortsinn) sei (Ralf Sudau). Immer klarer zeigt sich mir das Bild der gesamten Tragödie als Spiegelung eines menschlichen Lebens- und Erkenntnisweges mit …

zahlreichen Bezügen zu Goethes eigenem Leben und Denken aber auch mit Widersprüchen. Auch wenn er selbst in variierenden Worten immer wieder betonte „wie sehr ich mir gleiche und wie wenig mein Inneres durch Jahre und Begebenheiten gelitten hat“ (1788), zeugt der Text und dessen Entstehungsgeschichte von sich verändernden Parametern im Weltbild des Dichters.


Ich möchte herausarbeiten, wie es nach all den Verfehlungen Fausts am Ende zu der fast märchenhaft anmutenden Erlösung (Himmelfahrt) kommen kann. Und zu diesem Zweck macht es Sinn, das Pferd von hinten aufzuzäumen.


Ziel der heutigen Reflektion sind weniger die Details, sondern vielmehr der mögliche rote Faden meiner Inszenierung, welchen der #Faust laut Goethes eigenen Aussagen entbehrt. Es geht um die Reduktion aller Informationen, Gedanken, Möglichkeiten auf eine Grundidee, die ich in der mir zur Verfügung stehenden einen Zeitstunde (selbst gesetztes Limit) schlüssig entfalten kann. Eine Auswahl der zahlreichen infrage kommenden Impulsgeber habe ich in meinem letzten Artikel zusammengestellt.


Goethes Gottesbegriff, der letztendlich der Vorstellung der Entelechie am nächsten kommt, scheint mir ein guter Rahmen zu sein: der „häretische“ und der „titanische“ Gottessucher in der Person des Faust (Surdau). Faust als komplexes (menschliches) Gebilde mit den in alten Schriften (Kabbala etc.) behaupteten 600.000 Seelenanteilen, die sich irgendwo zwischen Licht und Dunkel oder Himmel und Erde bewegen und menschliches Denken und Handeln bestimmen. Mir gefällt nach wie vor das Bild, den ganzen #Faust als das Konstrukt „eines“ Menschen zu lesen (Nicolas Stemann), der mit seiner Komplexität von innen nach außen agiert bzw. auf das außen reagiert. Und das sowohl im „vermeintlich“ realen Leben als auch im Unterbewussten, in den Innenwelten, den Träumen, den Visionen, den Fantasien…

Alles fließt ineinander (Wasserbild) und kann nur bedingt mit dem Verstand gegriffen oder gar kontrolliert werden. Die „zwei Seelen“ (Faust und Mephisto), die Faust in seiner Brust postuliert, sind da nur „Eckdaten“. Als dramatische Personen halten sie die Spannung aufrecht, die den Menschen auf seine (Gottes)suche treibt. Alle Widersprüche in Goethe selbst, in Faust und dem ganzen Text sind also allzu menschlich und können vor dem Hintergrund dieser Grundidee in das Geschehen einfließen.


Soweit die Theorie! Mir schwebt ein Bühnenaufbau vor, bei dem über die ganze Spieldauer ein „atmosphärischer“ Film mit bildhaften Assoziationen abläuft, zu dem ich parallel, in verschiedene Rollen schlüpfend, die faustische Innenwelt zum Schillern bringe und diverse im Text angelegte (aktuelle) Themen sichtbar mache. Ein hehres Ziel! Schauen wir, wie es weitergeht. Nächste Lektüre liegt lesebereit.


Ein schönes Zitat Goethes gegenüber Eckermann finde ich auf diesem Weg tröstlich. Das möchte ich euch und Ihnen nicht vorenthalten:


„Die deutschen sind übrigens wunderliche Leute! Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig.- Ei! So habt doch endlich einmal die Courage, Euch den Eindrücken hinzugeben, Euch ergötzen zu lassen, Euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen (…) Aber denkt nur nicht immer, es wäre Alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke oder Idee wäre! (…) Es hätte auch in der Tat ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und so höchst mannigfaltiges Leben, wie ich es im Faust zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen Idee hätte reihen wollen!“ (in: Safranski, Rüdiger: Goethe, 2013)


Anmerkung: ich nutze in meinen Ausführungen den #, um das Werk (#Faust) von der Person (Faust) zu unterscheiden.


Danke herzlich für das Interesse!

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Offene Themenräume im Faust

Hier nun meine Gedanken zu einer nach Themenräumen angelegten Inszenierung anstelle einer dramatischen Umsetzung mit sich entwickelnden Charakteren:

 

1. #Faust I und II sind inhaltlich verschachtelt trotz unterschiedlicher Entstehungszeiten und sich veränderndem Sprachduktus (dramatisch, lyrisch). Das Gesamtwerk kann als großer Traum eines Mannes gelesen werden, der des Lebensantriebs verlustig gegangen ist (siehe auch Goethes eigene Erfahrungen mit „Lebensekel“, Bezug: „Werther“). ...

 

2. Es gibt mehrere Prinzipien als Bewegungsmomente: z. B. das Begehren; ist Erfüllung erreicht, herrscht Stillstand; der Lustgewinn liegt nicht in der Erfüllung, sondern in der Bewegung. Ein anderes Moment ist die Wandlungsfähigkeit bzw. Komplexität der Figuren Faust, Mephisto, Gretchen; sie vollziehen in sich strahlenförmige Bewegungen keine linearen und zeigen untereinander drei prinzipielle Arten, mit der Welt umzugehen.

Faust geht mit den anderen Figuren als Spiegel und damit deren bewegendem Einfluss den Weg der Selbsterfahrung zur Wissensgewinnung.

 

3. Dieser Weg kann jetzt unter verschiedenen Aspekten / Spielräumen betrachtet werden, in die sowohl Bezüge aus der Entstehungsgeschichte bzw. zu Goethes Person als auch zu aktuellen Themen und Erkenntnissen einfließen können. Darüber zeigen, dass moderne Lesarten universelle Gültigkeiten menschlichen Handelns und Denkens über klassische Texte sichtbar machen können, ohne diese „zu benutzen“ oder „zu missbrauchen“. Im Falle von #Faust: z. B. Goethes Weitsicht zur Macht des Geldes

 

4. Räume, in die man eintauchen könnte:

-        Lebensüberdruss – Selbstantrieb – Selbsterfahrung (wonach strebt der Mensch?)

-        Weltverständnis: Alchemie, Quantenphysik, Spiritualität, Himmel/Erde

-        Macht des Geldes – wie Krisen entstehen

-        Dimensionen von Realitäten/Traumwelten

-        Einflüsse von historischem und mythologischem Wissen (Mensch als Wissensspeicher, Einfluss auf Begierden, Visionen, Fantasien, Träume)

-        Aufgehobener Dualismus von Gut und Böse, Geist und Materie

 

5. Aufgabe: Möglichkeiten der Darstellbarkeit an Hand von passenden Textpassagen entwickeln unter Berücksichtigung der oben genannten Themenblöcke.

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"Habe, nun, ach! . . ."

Originaltext; Entstehungsgeschichte; Werkgeschichte; Programmhefte; philosophische, ökonomische, historische, quantenphysikalische Deutungen und viele mehr; #Faust als Menschheitsdrama, #Faust als Gelehrtentragödie; #Faust als Szenario heutiger Krisen; #Faust als Utopie der Weltkolonisation; Gretchen als Emanze, als Antichrist, als weiblicher Christus; Teufelsbund und Titanenwette; Walpurgisnacht und Elementartheater…

„…Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh` ich nun, ich armer Tor,

Und bin so klug als wie zuvor!“

 

Tja, so geht es dem Gelehrten Faust zu Beginn der Tragödie Teil 1, und nicht viel anders geht es mir: vor der Konzeptentwicklung und Niederschrift meines #faustprojektes zu Faust Teil 1 und 2 stehend.

 

Vor lauter schlauem und zugegebenermaßen auch vernachlässigbarem Input in Sachen „Faust“ – Interpretationen frage ich mich: Wo stehe Ich? Und wo will Ich hin? Um der Beantwortung dieser Zweck dienlichen Fragen auf den Grund zu gehen, habe ich mich für Öffentlichkeit entschieden. Jawoll, ich riskiere es, eventuelle Irrwege und Sackgassen „Schwarz auf Weiß“ zu dokumentieren, alles im Dienste der Klarheitsfindung. Und ich hoffe auf und bitte um Beistand und Begleitung:

 

Um deine/eure Kommentare, Meinungen, Anregungen, jaaa und - wenn`s sein muss - auch Kritik.

 

Und so werfe ich mich in den Dschungel meiner Aufzeichnungen, fest entschlossen, den einen Punkt zu finden, von dem aus der Lichtstrahl der Eingebung mir Meinen Weg zu #Faust weist.

 

Eure

 

Birgit

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